Liebe Operetten-Freunde,

Am 31. Dezember 1999 wurde auf unserer Bühne zum letzten Mal Suppés Meisterstück "Boccaccio" gespielt.

Die mitreissenden Melodien, die imposanten Chor-Passagen, die bezaubernden Arien und die Handlung voll Witz und Charme haben über 18000 Zuschauer begeistert. Freuen Sie sich jetzt schon mit uns auf die Spielsaison 2001, wobei wir Sie natürlich auf dieser Website rechtzeitig und umfassend informieren werden.

Liebe - mit und ohne Treu

Operette Möriken "Boccaccio", ein musikalisches Feuerwerk

Rosmarie Mehlin

Schon die Ouvertüre macht klar: Hier wird nicht in Wiener Walzerschmäh, nicht in ungarischem Csardaspaprika geschwelgt, hier triumphiert italienische Lebenslust. Mit präziser Stabführung lässt Dirigent Cristoforo Spagnuolo im Orchester vom ersten Ton an eben jene Funken Italianità sprühen, welche Franz von Suppé in reichem Masse in die Melodien seines "Boccaccio" gezaubert hat. Nach "Banditenstreiche" (1977) spielt die Operettenbühne Möriken nun erstmals das am berühmtesten gewordene Werk des 1819 in Dalmatien geborenen und 1895 in Wien verstorbenen Komponisten. Mit Lust und Freude liess sich das Premierenpublikum nicht nur musikalisch, sondern auch visuell in den Süden entführen. Kaum ist der Vorhang offen, sind der Möriker Gemeindesaal, die neuen, etwas harten Stühle, die Regierungsräte Mörikofer und Pfisterer und all die anderen Zuschauer nichts mehr gegen Santa Maria dei Fiore und Giottos Glockenturm im Hinter-, die Palazzi, der Brunnen und das Kirchenportal im Vordergrund. Mit Zauber und Geschick lässt Bühnenbildner Erhard Schaab das Publikum voll und ganz eintauchen in die Welt, die drei Stunden lang Leib und Seele zusammenhält: Die wundersame Welt der Operette. Das Volk von Florenz, Bürger, reizende Damen, Studiosi und Bettler bevölkern die Bühne - der fast 50köpfige Chor ist Grundpfeiler in diesem "Boccaccio". Fundiert und faszinierend sein musikalisches Können; ebenso prachtvoll seine Kostüme wie die der Solisten, und ansteckend die Spielfreude. Altbewährt und doch nicht müde, erfahren und doch nicht routiniert hat David Geary Regie geführt. Mit wohldosierten Gängen, Gesten und Tanzelementen nutzt er den begrenzten Raum der nicht eben grossen Bühne optimal. Mit einer tüchtigen Portion Klaumauk hier, und schlitzohrigem Augenzwinkern da, lässt er die Protagonisten agieren. Sie tun es mit Lust und Liebe.

Liebe ?! Sie, natürlich steht im Mittelpunkt. "Hab ich nur deine Liebe. . ." ist neben dem Duett "Florenz hat schöne Frauen" ("mia bella fiorentina") die wohl bekannteste Melodie. In Liebe zu diesen schönen Frauen entbrennen sie - der Prinz von Palermo, der Dichter Boccaccio, doch auch die Frauen lassen sich nicht lumpen. Reihum fallen sie hübschen jungen Männern anheim und setzen ihren trotteligen Angetrauten Hörner auf. Denn was zählt ist Liebe ". . . ob mit, ob ohne Treu". Lustvoll gehts in diesem "Boccaccio" zu, in der Liebe - aber nicht nur. Auch in der Melodik und der Rhythmik, echt Franz von Suppé halt. Und - echt gut umgesetzt von der Operettenbühne Möriken. Die inzwischen über 100-jährige Institution, die seit 1967 regelmässig alle zwei Jahre eine Operette produziert, hat die bewährten Kräfte in ihrem Ensemble mit neuen, jungen Talenten unter den Solisten ergänzt. Die Möriker haben dabei eine ausserordentlich glückliche Hand gezeigt.

Der Schweizer Roger Widmer, obwohl an der Premiere als "leicht indisponiert" angekündigt, überzeugt mit seinem subtil differenzierenden, weichen Tenor ebenso wie mit seinem lockeren Spiel in der Titelrolle. Mit ihrem klaren, kräftigen Sopran steht ihm Annette Labusch als Fiametta in nichts nach. Zwei wahre Trouvaillen, zu denen sich als Dritter im Bunde Stefano Kunz-Annoff als Pietro harmonisch gesellt.

Auf der Seite der Komiker brillieren andererseits keine Unbekannten: Der unverwüstliche Hanspeter Kern als Lambertuccio und die Möriker "Entdeckung" von 1993, Erich Zwahlen als Lotteringhi. Auch alle weiteren Solisten - ob ihre Rolle grösser oder kleiner - tragen, teils mit viel Geschick, teils etwas gehemmt oder nicht eben stimmgewaltig, aber allesamt mit beseeltem Theatereifer dazu bei, dass der Funke überspringt von ihnen aufs Publikum. Oben auf der Bühne und im Orchestergraben zündet er ein Feuerwerk von Musik, Gesang und Spiel; unten im Zuschauerraum entfacht er einen höchst angenehmen Flächenbrand von Vergnügen, Unterhaltung, Spass - eine Dreieinigkeit, die in Begeisterung für den Möriker "Boccaccio" mündet.