Presse

Italianità im Wiener Dreivierteltakt

Möriken Premiere der Johann-Strauss-Operette «Eine Nacht in Venedig»

Rosmarie Mehlin, 13.10.2003

Zum zweiten Mal nach 1967 zaubert die Operette Möriken-Wildegg die Lagune von Venedig, Gondoliere und San Marco in den Möriker Gemeindesaal. Nach 36 Jahren lockt Caramello wieder sehnsuchtsvoll «Komm in die Gondel, mein Liebchen!» und schwärmt der Herzog von Urbino im Dreivierteltakt «Ach, wie so herrlich zu schaun, sind all die reizenden Fraun». Ja - das sind sie tatsächlich: Barbara Delacqua, ihre Zofe Ciboletta, die gepuderten Senatorenfrauen unter ihren weissen Perücken . . .

Entgegen seinen Gewohnheiten hatte Johann Strauss 1883 seine «Eine Nacht in Venedig» nicht in Wien, sondern in der preussischen Hauptstadt Berlin uraufgeführt. Prompt hatte es einen handfesten Skandal gegeben: Das Berliner Publikum kugelte sich vor Lachen über die banalen Texte. Johann Strauss hatte daraufhin in Windeseile die Umarbeitung des Librettos veranlasst, war nur sechs Tage später mit «Eine Nacht in Venedig», nunmehr in Wien, ans Dirigentenpult getreten und hatte dort sein Werk zum vollen Erfolg geführt.

Allein - die Handlung reisst einen noch immer nicht von den Stühlen; sie hat wenig Witz und von sprühender Italianità ist darin arg wenig spürbar. Wären da nicht der Makkaronikoch Pappacoda, der herzogliche Barbier Caramello und im Hintergrund der Carnevale, würde die «Nacht in Venedig» nicht über die gewisse beliebige Operetten-Banalität herauskommen: Liebe, (Un)treue, Eifersucht, Verwechslung und Happy End laufen hier wie am Schnürchen und ohne Überraschungen ab. Aber - da ist ja Gott sei Dank noch die Musik. Da sind die Straussschen Ohrwürmer, welche wundervoll Atmosphäre von Italien, Sonne, Meer vermiteln und die venezianische Volksseele brodeln lassen.

Dass das Publikum aber nicht nur mit den Ohren, sondern ganz stark auch mit den Augen von Venedig vereinnahmt wird, ist einmal mehr das grosse Verdienst von Erhard Schaab: Sein Bühnenbild ist zauberhaft und wundervoll stimmig. Aber auch die Kostüme (Jäger, St. Gallen), Masken und Frisuren (Schönenberger, Brugg) entführen die Zuschauer mit viel Sorgfalt und Liebenswürdigkeit in die Lagunenstadt Mitte des 18. Jahrhunderts.

Das Orchester unter Stabführung des erfahrenen Cristoforo Spagnuolo zeigte sich an der Premiere in bester Spiellaune. Mit ausgeprägten Tempi-Wechseln und sorgfältigen Modulationen erzeugen Spagnuolo und seine Musiker schon in der Ouvertüre mitreissende Spannung. Danach allerdings dominiert das Orchester bisweilen die Sängerinnen und Sänger etwas zu stark. Zumal die Aufführung stimmlich nicht restlos zu überzeugen vermag. Vor allem Reto Hofstetter erfüllt die Erwartungen, welche an die Partie des Herzogs von Urbino gestellt werden, sowohl gesanglich als auch darstellerisch nicht in gewünschtem Masse. Die vom Komponisten gesanglich eigentlich stiefmütterlich behandelte Rolle der Barbara wird mit der Einlage der «Schwips-Polka» angereichert, was vom Libretto her eher überflüssig ist, Karin Nauer aber die Chance gibt, ihren feinen, ansprechenden Sopran und die muntere Kunst ihrer Darstellung unter Beweis zu stellen.

Der Aarauerin Annette-Flury-Jegge gelingt ihr Debüt bei der Operette Möriken-Wildegg in der Rolle der Ciboletta sehr hübsch und für Erich Zwahlen ist der Makkaronikoch Pappacoda im wahrsten Sinne des Wortes ein «gefundenes Fressen». Seine Sache ausgezeichnet, nämlich echt komisch, macht das Senatoren-Trio Peter Schaffner (Barbaruccio), Felix Müller (Testaccio) und besonders Markus Fricker als eifersüchtiger, seniler Delacqua. Ueli Amacher kommt als Caramello beim Publikum sehr gut an. Star des Abends aber ist zweifellos Annette Labusch, die mit ihrem reinen, kraftvollen Sopran wundervoll überzeugt.

Für Regisseur David Geary war es die achte Inszenierung in Möriken, aber hier die erste von Johann Strauss. Er hat es sich nicht leicht gemacht. Vor allem im ersten Akt sprüht die Inszenierung von reizvollen Einfällen. Doch je länger der Abend, desto statischer und schwerfälliger wird die Aufführung. Die Verführungsszene im zweiten Akt zwar hat auch noch einen gewissen Witz und Tempo. Vor allem die folgenden grossen Chorszenen aber vermitteln mitunter den Eindruck von Leerläufen. «Eine Nacht in Venedig» aufzuführen ist keine leichte Aufgabe. Die Operette Möriken-Wildegg erfüllt sie zwar nicht ganz, aber das Premierenpublikum war offensichtlich sehr zufrieden und hat tüchtig applaudiert.

Vergnüglicher Karneval in Venedig

Möriken Premierengäste waren begeistert von der Operette «Eine Nacht in Venedig»

Hanny Dorer, 13.10.2003

Aufatmen bei den Mitwirkenden der Johann-Strauss-Operette «Eine Nacht in Venedig»: Die erste Hürde ist geschafft, die Premiere war ein voller Erfolg, nun kann man den weiteren 29 Vorstellungen mit Zuversicht entgegensehen. «Alle Ängste und Bedenken der letzten Wochen und Tage haben sich verflüchtigt, man fühlt sich irgendwie befreit», brachte Produktionsleiter Hanspeter Kern die Sache auf den Punkt.

Wie bei der Möriker Operette üblich, fehlte es auch dieses Jahr nicht an Prominenz. So ist etwa Ständerat Thomas Pfisterer mit Gattin Silvia ein regelmässiger Gast, und auch Regierungsrat Roland Brogli mit Gattin Rosmarie und der Aargauer Kulturchef Hans Ulrich Glarner mit seiner Frau Maria liessen es sich nicht nehmen, an diesem Ereignis sowie der anschliessenden Premierenfeier teilzunehmen. Flinke Hände hatten den Gemeindesaal innert kürzester Zeit vom Konzertsaal in einen Restaurationsbetrieb verwandelt, wo man nach dem musikalischen Vergnügen auch kulinarisch verwöhnt wurde.

Vorerst aber genoss man die herrliche Musik von Johann Strauss und erlag dank des ausgezeichneten Bühnenbildes gerne der Illusion, selber in Venedig zu sein, sich vom Herzog von Urbino in seinen Palast einladen zu lassen und dann wie Annina zu singen «Was mir der Zufall gab, das will ich benutzen». Stattdessen genehmigte man sich in der Pause ein Cüpli an der von den Freunden der Operette Möriken geführten Bar und fühlte, akkurat wie Senatorin Barbara «Mir ist auf einmal so eigen zu Mute».

Im Anschluss an die Aufführung hatte man beim Apéro Gelegenheit, die Mitwirkenden persönlich kennen zu lernen, bevor der «Hausherr» zu Tische bat. Hanspeter Kern stellte seine «Tischrede» unter den Begriff «Tripel-A», wobei je ein «A» für «Ängste», Änderungen» und «Anerkennung» standen. Angst habe man ein erstes Mal ausgestanden, als man hörte, was im Rahmen des Kantonsjubiläums an kulturellen Darbietungen alles geplant war. Ob das Publikum da wohl im Oktober auch noch eine Operette goutieren würde? «Die Angst war völlig unbegründet», freute sich Kern. Im Gegenteil: «Wir hatten dieses Jahr zum ersten Mal eine total ausverkaufte Premiere, die ersten zwei Wochen sind ebenfalls praktisch ausverkauft.»

Die zweite Angst betraf den Gemeindesaal, der im Frühjahr wegen Problemen mit der Dachkonstruktion geschlossen werden musste. Kerns besonderer Dank ging daher an die Gemeindebehörden, die alles daran gesetzt hatten, dass der Saal ab September der Operette wieder zur Verfügung stand.

Das zweite A steht für Änderungen: Anstatt wie geplant «Zigeunerliebe» von Lehár zu spielen, habe man sich angesichts der hohen Aufführungsrechte für «Eine Nacht in Venedig» entschieden. Vor wenigen Tagen wurde zudem ein neuer Trägerverein gegründet, der «Operette Möriken-Wildegg» heisst und so etwas wie eine Tochtergesellschaft von Männerchor, Frauenchor und Freunde der Möriker Operette ist. Änderungen auch beim Orchester, dessen Basis neu vom Aargauischen Kammerorchester gebildet wird.

A wie Anerkennung gebühre allen Mitwirkenden auf und hinter der Bühne, fuhr Kern weiter. Einen speziellen Dank richtete er an Hans Wipf, der seit 1960 in der Operette mitwirkt und jeweils für die Requisiten zuständig ist. So hatte er 1967 für «Eine Nacht in Venedig» eine Brücke konstruiert, auf welcher sich die Pärchen in der Pause gerne aufhielten. «Mit Sicherheit sind daraus zwei Ehepaare entstanden», schmunzelte Kern.

«Er ist pingelig, präzise, pünktlich, genau und manchmal etwas laut.» Gemeint war Hugo Eggspühler, der als künstlerischer Leiter die Kontakte zu Solisten, Chor und Orchester herstellt und unter anderem für die Probenpläne verantwortlich war. «Er wusste immer, was los ist, wo es brennt - Hugo war sozusagen mein Gewissen», schmunzelte der Produktionsleiter.

«Und jetzt erhebe ich das Glas und stosse an auf die neue Möriker Operettensaison, die hoffentlich allen viel Freude und Befriedigung bringt.»